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Spuren aus Sternenstaub

Suddeutsche Zeitung

Freitag, 11 November 2016

Bayern, Deutschland, Munchen Seite 12

Spuren aus Sternenstaub

Mitten im Kaukasus errichteten russische Forscher einst das größte Teleskop der Welt.
Nun ist hier für eine Weile moderne Kunst zu sehen. Ein Besuch bei alten und neuen Bewohnern

von Julian Hans
Sein Ruf, ein Ort der Finsternis zu sein, lockt selten Menschen in den Kaukasus. Aber hin und wieder gibt es Ausnahmen. Als die besten Astronomen der Sowjetunion in den Siebzigerjahren eine neue Forscherstadt gründeten, fiel die Wahl auf Nischni Archys. Mitten im Nirgendwo errichteten sie auf 2000Meter Höhe das größte Teleskop der Welt. Kein Autoscheinwerfer und keine Laterne sollten den Blick in die Sterne stören. Fern der Zivilisation konnten sich die Forscher ganz der Erkundung des Alls widmen.

Zum50. Jubiläumdes „Spezialastrophysischen Observatoriums der Akademie der Wissenschaften“habenKünstler aus RusslandundÖsterreich diePerspektiveumgedreht und das Wissenschaftskloster in der russischen Republik Karatschai-Tscherkessien zu ihrem Forschungsobjekt gemacht. Dahinter steckt der österreichische Kulturattaché Simon Mraz, der ein Händchen für die Entdeckung neuer Welten hat und Sterne leuchten lassen kann, wo andere nur noch Dunkelheit sehen. 2013 machte er den stillgelegten Atomeisbrecher Lenin in Murmansk für einige Wochen zum Spielplatz für zeitgenössische Kunst. Und zur Moskauer Biennale im vergangenen Jahr schickte er Fotografen und Maler in geschlossene Industriestädte in der russischen Provinz.

Dichter Nebel zieht über Nischni Archys. Das Observatorium, von dem aus man einst weiter sehen konnte als von irgendeinem anderen Ort der Erde, ist auf zwanzig Schritte kaum zu erkennen.Unter der metallenen Kuppel ist es kalt. Eine Klimaanlagekühlt die Halle auf dieTemperatur herunter, die für die nächste Nacht erwartet wird, damit sich der sechs Meter große Spiegel nicht verzieht, wenn die Luke aufgeht.

Lautlos dreht sich das gewaltige Teleskop, ein Computer hält es auf Kurs mit den Sternenbahnen. Hinter einer Glasscheibe, im Kommandoraum, dreht sich Michail Michailow zu lauter Musik. Im Frühjahr haben die Künstler eine Erkundungsreise in die Republik Karatschai-Tscherkessien gemacht. Der 38-jährige Wiener hat die kaukasischen Tänze nachgetanzt, mit denen sie begrüßt wurden. Ein Video davon projiziert er auf eine rotierende Leinwand am Boden. Darauf hat er Staub gemalt, den er in seinem Atelier gefundenhat, „ein eigenerMikrokosmos“, erklärt Michailow ironisch. „M-Theory“ hat er die Installationgenannt,nacheinemVersuch der Physiker, unterschiedliche Theorien über den Ursprung des Universums in Einklang zu bringen.

Seit die Spannungen zwischen Russland und dem Westen wachsen, begegnen Behörden Fremdenmit Misstrauen, staatliche Einrichtungen schließen ihre Türen, und es wird immer schwerer, einen unverstellten Blick auf das Land zu werfen. Aus den Gräben derKonfrontation heraus aber siehtman nur wenig. ImKaukasus gelingt es durch den Abstand zuMoskau und den Zugang über die Kunst, tiefere Schichten freizulegen.

Das Gelände ist Gegenstand und Ausstellungsfläche des Kunstprojekts zugleich. Der russische Architekturfotograf
Jurij Palmin stellt die Bilder, die er imAkademikerstädtchengemachthat, imehemaligen Lebensmittelladen der Siedlung aus. Grüne Kacheln bröckeln von denWänden. Aber die Fotos erinnern daran, dass der Sozialismus nicht nur gesichtslose Plattenbauten hervorgebracht hat, sondern auch eine visionäre Strömung derModerne.Mit der Serie „The LowerSite“ habe er „diekosmische Weitsicht der Bewohner korrigieren“ wollen, sagt Palmin: „Normalerweise beobachten sie Objekte, die Millionen Lichtjahre entfernt sind.“ Er wolle ihren Blick aufdas lenken,was sichdirekt vor ihren Augen befindet.

Die Österreicherin Eva Engelbert hat eine Reihe von Emblemen auf Stoffbahnen gestickt und sie der Architektin Galina Balaschowa gewidmet, die das Innendesign für die Sojus-Raumschiffe, die Raumfähre Buran und die RaumstationMir entwarf.

In der Werkstatt der Siedlung hängt ein leuchtender Windgott mit geblähten Backen unter der Decke. Die 32-jährige Anna Titowa aus Ulan-Ude hat ihn aus grünen Neonröhren geformt. Darunter steht eine BankimStaub aus grauem Pigment. Die Installation mit dem Titel „WhyWork?“ deutet eine Antwort auf diese Frage an: Wer sich vom Blick in den Himmel inspirieren lässt, von der Bank aufsteht und in der Werkstatt umhergeht, hinterlässt überall Spuren aus silbernem Sternenstaub.

NebenTitowa steht einMannmit getönter Brille, Lederjacke und ölverschmierten Händen. Jewgenij Romanjuk ist der Chef-Mechaniker hier. Es ist sein erster Kontakt mit zeitgenössischerKunst. „Ganz ehrlich: Ich bin begeistert“, sagt er. Eigentlich hielt er es für keine gute Idee, Titowa in seine Werkstatt zulassen. Schon aus Sicherheitsgründen.
Die schwebende Licht-Installation ergibt einen seltsamen Kontrast zum Rest seiner Werkstatt, in der die Zeit stehen
geblieben zu sein scheint: Die groben Bohr- und Drehmaschinen stammen noch aus der Zeit, in der das Observatorium gebaut wurde. Der grüne Lack ist abgewetzt, die Karosserien verbeult. Man fragt sich, wie diese groben Zwingen und Schraubenschlüssel zu dem Teleskop passen, das auf die Größe von Lichtwellen genau justiert werden muss.

Vieles habe sich gewandelt, sagt JurijBalega, der wissenschaftliche Leiter des Observatoriums. Seinerzeit habe der Parteichef Nikita Chruschtschow alles dafür getan, die Wissenschaft voranzubringen.Teilchenbeschleuniger
und Reaktoren wurden gebaut, die Atomphysik und eben auch die Astrophysik wurden gefördert, als Grundlagenwissenschaften waren sie unabdingbar für die Raumfahrt und für die Rüstung.DasSelentschuk-Observatorium ist Zeuge einer Zeit, als die Sowjetunion auf dem Gipfel ihrer Kraft stand.

Balega ist 63 Jahre alt. Er erinnert sich noch daran, wie die Wissenschaftler nachts im Observatorium saßen und zu
den Sternen aufblickten. Heute zeichnen Hochleistungschips das Geschehen auf, „Wissenschaftler in Bonn oder Paris oder Moskau oder wo auch immer können die Daten auswerten, man muss gar nicht mehr herkommen“, sagt Balega.

Er hat Schwierigkeiten, junge Techniker, Ingenieure und Physiker nach Nischni Archys zu locken. Die Gehälter sind niedrig, es gibt weder Cafés noch Restaurants oder Kinos hier. „Als ich jung war, liebten die Mädchen Physiker. Heute lieben sie Ökonomen“, sagt der Forscher.

Nach dem Ende der Sowjetunion lösten bald neue, größere und leistungsstärkere Teleskope das Selentschuk-Observatorium von seinem Spitzenplatz ab. Es gehe heute nichtmehrso sehrdarum, neue Sterne und Galaxien zu entdecken, sondern Millionen Lichtjahre in die Vergangenheit zu sehen, um zu verstehen, was am Ursprung des Universums geschah.

„Was die Wissenschaftler hier machen, versteht kaum einer“, sagt Simon Mraz, „das haben sie mit den Künstlern gemeinsam.“ Auf Einladung der Kulturministerin ist der österreichische Kulturattaché eine Woche lang durch Karatschai-Tscherkessien gereist. Knapp eine halbe Million Einwohner hat die Republik im Nordkaukasus: Karatschaier, Russen, Tscherkessen, Abasinen,Nogaier, Osetinenundvieleweitere kleine Völker. Die Wissenschaftler in diesem Akademikerstädtchen seien ein weiteres eigenes Volk, findetMraz. „Sie leben in einer abgeschlossenen Gemeinschaft,
nach eigenen Regeln, sind keine Russenundkeine Kaukasier, sie sind ein eigenes Völkchen.“

Vor Jahrhundertenhat es hier schoneinmal eine ähnliche Gemeinschaft gegeben, davonzeugenFundein derNähe des Observatoriums. Dort steht die Ruine der ältesten christlichen Kirche auf demGebiet der Russischen Föderation. Sie wurde im 10. Jahrhundert gebaut, lange vorder Taufe Russlands. Heute ist der Islam die vorherrschende Religion im nördlichen Kaukasus. Damals lebten in Archys die Alanen, ein iranisches Volk, in einer multikulturellen Gemeinschaft, mit christlichen und muslimischen Gemeinden. Ein Steinkreis in der Nähe der Kirche lässt vermuten, dass an dieser Stelle schon damals ein Observatoriumwar. Die 38-jährige Moskauerin Alexandra Paperno hat das zu ihrer Arbeit „Verworfene Sternbilder“ inspiriert. Sie hat 51 Sternbilder mit Wasserfarben auf Holz rekonstruiert, die 1922 auf einer internationalen Konferenz von Astronomenverworfen wurden. In den Sternen Figuren zu erkennen seiwahrscheinlich eine der frühesten Abstraktionen der Menschheit, glaubt Paperno. Wissenschaft und Kunst waren eins. Das Observatorium in Nischni Archys hat sie für einen Moment wieder zusammengebracht. Man konnte von hier einst weiter sehen als von jedem
anderen Ort der Erde Spuren aus Sternenstaub Mitten im Kaukasus errichteten russische Forscher einst das größte Teleskop der Welt. Nun ist hier für eine Weile moderne Kunst zu sehen. Ein Besuch bei alten und neuen Bewohnern
„Was die Wissenschaftler hier machen, versteht kaum einer. Das haben sie mit den Künstlern gemeinsam.“
Installation „Why Work?“ von Anna Titowa (oben) und Observatoriums-Direktor Jurij Balega (unten). FOTOS: AP

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